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Fünf Fragen an Clément Léon R.

»Was passiert in Paris, wenn um 24 Uhr Theater, Kinos und Bars schließen?«


Hannah-Katharina Jenal für stadtnachacht im Interview mit Clément Léon R.


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SNA: Was verbirgt sich hinter dem Titel »Maire de la Nuit«?

Clément Léon: Ich bin der erste Bürgermeister der Nacht von Paris. Gewählt durch eine social-media und Printkampagne, welche von Menschen aus Paris ins Leben gerufen wurde, die mit der derzeitigen Situation nicht zufrieden sind. In 40 Bars wurden Informationskampagnen durchgeführt, Wahlurnen aufgestellt und Podiumsdiskussionen der 5 KandidatInnen veranstaltet. Es ist ein Ehrenamt, ohne Budget und ohne Büro. Ein Amt, aus reiner Überzeugung.


SNA: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich als Bürgermeister der Nacht zu bewerben?

Clément Léon: Gründe gibt es in Paris einige, aber vor allem, weil einige Freunde von mir Nachtschwärmer und Manager von nächtlichen Events sind; sowie ich selber auch. Wenn man in dieser Branche unterwegs ist, fällt einem recht schnell auf, dass es in Paris große Probleme im Zusammenhang mit Nachtnutzungen und dem öffentlichen Raum gibt. Ich wollte schon das Land verlassen, weil es so viele Probleme mit der Nachtkultur gab und gibt. Aber ich sehe meine neue Position als eine große Chance und gute Gelegenheit, die derzeitigen Zustände zu verbessern. Die Pariser Nacht bedarf eines Sprachrohres – dieses möchte ich sein!


SNA: Was ist ihrer Meinung nach in den vergangenen Jahren auf Seite der Stadtverwaltung vernachlässigt worden, dass es heute zu diesen Problemen in der Pariser Nachtszene kommt?

Clément Léon: Die gewählten Bürgermeister haben keinerlei Bewußtsein für das wirtschaftliche und kulturelle Potential welches die Welt der Nacht mit sich bringt. Das ist nicht überall so. Wenn Personen eine Stadt leiten – in unserem Falle der/die (Bezirks-)BürgermeisterIn – welche mit offenen Augen durch ihre Stadt oder ihren Bezirk gehen, sollte denen das Potential schnell deutlich werden. Paris ist eine Weltstadt und es ist eigentlich fast peinlich, dass die Stadt nach 24 Uhr praktisch einschläft. Völlig konträr zur dem, was Paris sein möchte. Amsterdam hat bereits im Jahre 2002 den ersten Nachtbürgermeister gewählt. Bis heute ein gelungenes Projekt, was auf sämtlichen Ebenen etabliert ist und große Unterstützung findet.

 

SNA:Wo genau sehen sie Ihren Aufgabenbereich und wie und an wen genau tragen sie ihre Anliegen an?

Clément Léon: Meine Gesprächspartner sind im Wesentlichen Medien, die Stadtverwaltung sowie Vertreter des öffentlichen Nahverkehrs. Ich bin die Schnittstelle zur Parallelwelt wenn sie so wollen. Die derzeitige Planungsinstanz tut meiner Meinung nach viel zu wenig. Wir haben eine Menge Aktionen organisiert. Aber unsere Hauptkommunikationsform sind die sozialen Netzwerke. Es erreicht die breite Menge, ist effizient und es ist gratis.

Die gesamte Wahl und Initiative startete über soziale Netzwerke. Hier kann man wieder gut sehen, welche Wirkung soziale Medien entfalten können, auch in sehr alten, traditionellen Planungssystemen.

 

SNA: Wie sehen sie den Stellenwert der Nachtökonomie in der Pariser Stadtplanung?

Clément Léon: Die Nacht stellt in Paris ca. 600.000 Abeitsplätze, was ein sehr großer Anteil bei einer 2 Millionen Stadt ist. Politiker müssen verstehen, dass Paris kein Museum oder Schlafsaal ist. Mal ganz abgesehen von globalen Trends wie 24h-Städte oder die bewußte Vermarktung des Nightlifes. Momentan hat das Nachtleben und die Nachtökonomie einen sehr schweren Stand in der Pariser Stadtentwicklungspolitik. Das muss sich ändern!

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stadtnachacht_clement_leon_rClement R. Leon ist Autor, Musiker sowie Veranstalter und wurde im Rahmen einer Wahl, an der sich 2000 Personen beteiligten, zum ersten Bürgermeister Nacht (Maire de la Nuit) von Paris gewählt. Er ist u.a. Chefredakteur der Onlineplattform domeproject.fr

Das Interview führte Hannah-Katharina Jenal. Sie studiert Raumplanung in Wien.