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Fünf Fragen an Anne Vogelpohl

»Auch die Nicht-Thematisierung des Themas ‚Stadt und Nachtleben‘ steht für eine politische Haltung.«

stadtnachacht im Interview mit Anne Vogelpohl


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SNA: Assoziieren Sie den Begriff Nachtleben eher mit Kultur oder mit Ökonomie?

Vogelpohl: Auch wenn meine eigenen Forschungen das Thema „Nachtleben“ anders behandelt haben, assoziiere ich den Begriff weiterhin mit Kultur. Allerdings ist Kultur ja in weiten Teilen ökonomisiert. Gerade hinsichtlich einer gesellschaftlichen Relevanz der Thematisierung von Nachtleben müssen m.E. Aspekte des Ökonomischen, der Ökonomisierung, aber auch des Politischen im Zentrum der Diskussion stehen: von Arbeitenden, durch die Nachtleben erst möglich gemacht wird, bis hin zur Inwertsetzung von (vermeintlichen) Nischenkulturen.


SNA: Die Attraktivität des Nachtlebens einer Großstadt wird oft als Urbanitätsfaktor schlechthin angesehen. Welche räumliche Dimension hat der Begriff Nachtleben für Sie?

Vogelpohl: Angelehnt an Henri Lefebvres Verständnis von der Produktion des Raumes, wäre auch Nachtleben als ein soziales Verhältnis interpretierbar, das nicht lediglich eine räumliche Dimension hat, sondern aus verschiedenen räumlichen Dimensionen besteht: Es ist das (widersprüchliche) Verhältnis zwischen sozialen Interaktionen an spezifischen Stätten, den bewusst konzipierten Repräsentationen dieser sowie den subjektiven Imaginationen über ihre Bedeutung. In Bezug auf die Repräsentation als „Urbanitätsfaktor schlechthin“ ließe sich wohl vermuten, dass viel Aufwand für die Herstellung einer nächtlich nutzbaren, ästhetischen Infrastruktur betrieben wird, die wiederum die Imaginationen nur bestimmter sozialer Gruppen wie Touristen, Kreativ-Dienstleister o.Ä. ansprechen soll.


SNA: Welche Rolle spielen konkret Stadtplanung und Stadtentwicklung(-spolitik) im Themenfeld Stadt, Nachtleben und Nachtökonomie für Sie?

Vogelpohl: Stadtpolitische Entscheidungen und stadtplanerische Projekte spielen eine sehr große Rolle für die Ermöglichung, Einschränkung und Veränderung von nächtlichen Aktivitäten. Auch wenn das Thema u.U. nicht spezifisch verhandelt wird oder keine Möglichkeiten der Steuerung gesehen werden, stehen eben diese Herangehensweisen selbst auch für eine politische Haltung.


SNA:Welches sind vor Ihrem disziplinären Hintergrund die interessantesten Fragestellungen und Themen im Zusammenhang mit Stadt und Nachtleben?

Vogelpohl: Auf das oben Gesagte zurückgreifend, halte ich die Thematisierung von Bedingungen von nächtlicher Arbeit sowie von sich verlagernden Zentren des Nachtlebens für relevant. An diese Themen könnten sich Fragen nach individuellen Gestaltungsspielräumen, nach sich verschiebenden Aktivitätsformen und -intensitäten oder nach ungleichen Förderstrukturen anschließen, so dass „Stadt und Nachtleben“ ein relevantes Feld wissenschaftlicher Analysen sein könnte.

 

SNA: Welche Akteure sind in diesem Zusammenhang für Ihre Arbeit besonders wichtig, wo gibt es bereits Kooperationen und welche müssten evtl. noch verstärkt/aufgebaut werden?

Vogelpohl: Für meine Arbeit habe ich Gespräche mit a) MusikerInnen und Kreativen aus der Werbebranche, deren flexibilisiertes Alltagsleben auch auf die Bedeutung von städtischem Nachtleben hin analysiert wurde, b) mit AnwohnerInnen von Gebieten, die als Zentren des Nachtlebens beschrieben werden, c) VertreterInnen von lokalen Institutionen und d) mit Quartiersbeauftragten aus Verwaltung und Stadtplanung geführt. Von Kooperationen würde ich in diesen Fällen nicht sprechen – auch nicht als Vision, falls damit vor allem gemeint ist, gemeinsam und konsensorientiert Lösungen zu finden. Dennoch gibt es einen regelmäßigen Austausch zwischen den einzelnen Personengruppen, der nicht durchweg, aber oftmals eher konflikthaft ist. Da ich nicht von der Möglichkeit einer vollständigen Konfliktlösung ausgehe, halte ich einen weniger konsensorientierten, stattdessen konfliktorientierten Austausch für notwendig, in dem jeweilige Vorteile und Nachteile gezielt verhandelt werden.

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Anne Vogelpohl ist Dipl.-Geographin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Von 2008 bis 2010 war sie DFG-Stipendiatin am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin. Ein Themenschwerpunkt ihrer Forschungsarbeit ist die Flexibilisierung des Alltagslebens und deren Auswirkungen insbesondere auf Quartiersebene (u.a . Forschungsprojekt VERA – Verzeitlichung des Raumes 2005-2007 an der Universität Hamburg; Vergleich Hamburger Schanzenviertel und NYC-Williamsburg).

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