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stadtnachacht – continuities and conflicts in urban nightlife

stadtnachacht hosts session on nightlife-related issues at the German Congress of Geography 2015.

Im Rahmen des Deutschen Kongresses für Geographie (ehemals Deutscher Geographentag) in Berlin findet am 3.10.2015 unter dem Leitthema »Stadt und Land: Kontinuitäten und Konflikte« eine Fachsitzung mit dem Titel »StadtNachAcht – Kontinuitäten und Konflikte im großstädtischen Nachtleben« statt.

Untenstehend die Abstracts der geplanten Vorträge.

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Wo es hell ist, ist was los?
Licht ist Voraussetzung nächtlicher Aktivität. Berliner Beispiele zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Beleuchtungs- und Aktivitätsniveau nicht eindeutig ist.
Josiane Meier, Dietrich Henckel

Siehe auch SN8: 22.04.2013 & SN8: 15.10.2014

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Nacht-Orte. Typologie kultureller Topographien
In Nacht-Orten spiegelt sich die Ambivalenz der Großstadt mit all ihrer Faszination und ihren Schrecken. Der Beitrag wirft aus kulturtheoretischer Perspektive Schlaglichter auf unterschiedliche Ortstypen urbanen Nachtlebens.
Raphael Schwegmann

»Nachtleben boomt. Spätestens seit Richard Floridas Bestseller „The Rise of the Creative Class. And how It’s Transforming Work, Leisure and Everyday Life“ (2002) avancieren nächtliche Vergnügungstopographien zum Indikator für Lebensqualität und damit zu einem ernst zu nehmenden Standortfaktor für Städte und Regionen im interurbanen Wettbewerb um Hochqualifizierte. Gleichzeitig wächst ob multipler sozialer Verdrängungsprozesse die Kritik an der zunehmenden Kommodifizierung urbaner Räume und Zeiten. Nachtleben erscheint vor dem Hintergrund dieser beiden Entwicklungen als ambivalent konnotiert: einerseits als ökonomisch, kulturell und sozial wertvoll, andererseits als Risiko und Problem. Mein Ansatz entwirft eine Typologie jener Orte des urbanen Nachtlebens, in denen sich diese Widersprüchlichkeit spiegelt. Dabei fokussiere ich auf die Herstellung von wirtschaftlicher Wirklichkeit und die damit zusammenhängenden Ortsrealisierungen. Einer solchen Fragestellung liegt die Auffassung zugrunde, dass Nacht nicht nur als ein sozial-diskursives Konstrukt, sondern ebenso als die performative Auf- und Ausführung desselben erscheint (Nightmaking). Unter dieser Prämisse möchte ich insbesondere die Beziehung zwischen Nacht, Ort und Ökonomie thematisieren und kulturtheoretische Darstellungs(un)möglichkeiten reflektieren.«

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Türsteher und die Formbarkeit von Raum
(Stadt)Raum, sozialer Raum und Türsteher beeinflussen sich im Nachtleben wechselseitig. Dabei gestalten Türsteher als Grenzwächter in Interaktion mit anderen Akteuren das Nachtleben maßgeblich mit.
Christine Preiser

»Türsteher sind der Kerberus des Nachtlebens, Grenzzieher und -wächter, eine bewegliche Grenze, die aus dem ‚Drin sein‘ unter Umständen wieder ein ‚Draußen bleiben‘ machen kann. Im karnevalesken Treiben des Nachtlebens haben sie den Auftrag, für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit der Frage, wie Türsteher mit diesem Auftrag umgehen und habe dazu rund sieben Monate offene teilnehmenden Beobachtungen in drei Clubs in zwei deutschen Großstädten durchgeführt. In meinem Vortrag werde ich mich auf Basis meiner Ergebnisse mit dem Wechselspiel zwischen (Stadt)Raum und Türstehern auseinandersetzen. Ich werde zeigen, dass abhängig von der Lage des Clubs im Stadtraum eigene Themen für Türsteher entstehen, z.B. hinsichtlich möglicher Ruhestörung, des Publikums, des Verhältnisses zur Polizei oder der Kooperationsmöglichkeiten mit Türstehern anderer Clubs als potenzielle Verstärkung. Architektonische Gegebenheiten beeinflussen wiederum, wie sich Türsteher den Club als Raum zunutze machen: Wo und was ist die Tür? Welche Bereiche des Clubs sind einfach einsehbar? Wo sind Türsteher auf Dritte angewiesen? Ich werde vertiefen, dass die Differenzierung zwischen dem Raum, der zum Clubgelände gehört, und dem Raum außerhalb des Clubgeländes in der Arbeit von Türstehern eine große Rolle spielt, denn Zuständigkeiten sind raumgebunden. Gerade deshalb wird aber die Differenzierung in Konfliktfällen flexibel gehandhabt, sei es, um den Raum für Zuständigkeiten klar zu begrenzen oder aber auszuweiten. Zum anderen ist Zugehörigkeit im Clubkontext an Raum gekoppelt und deren potenzielle Verweigerung (kein Zutritt) oder Entzug (Rauswurf, Hausverbot) eine wirkungsvolle Maßnahme. Regeln (durch) zu setzen, ist fest in der Tätigkeit von Türstehern verankert. Darüber wird aber auch Club als sozialer Raum (mit)gestaltet. Der Club wird als Raum des Erlaubten und Unerlaubten geschaffen, innerhalb dessen u.a. über Drogenkonsum, Ausleben von Sexualität, Auseinandersetzungen, (sexuelle) Belästigung verhandelt wird. Türsteher unterteilen diesen Raum nochmals in Zonen, etwa indem das Rauchen von Joints im Innenbereich des Clubs verboten wird, während es im Außenbereich des Clubareals toleriert wird. Ich werde schließen, dass Raum, sozialer Raum und Türsteher im Nachtleben eine Trias bilden und sich wechselseitig beeinflussen. Als Kerberus des Nachtlebens gestalten Türsteher durch ihr Handeln und ihre Entscheidungen Nachtleben als sozialen Raum in bedeutendem Maße mit.«

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Nächtliches Einkaufen im Bezirk Prenzlauer Berg
Kaum eine Einzelhandelsform steht für den nächtlichen Einkauf so sehr wie der Berliner Spätkauf. Doch was verbirgt sich hinter dem Namen? Eine Fallstudie im Prenzlauer Berg bringt Licht ins Dunkel.
Mattias Romberg

»Während in den meisten großen europäischen Metropolen durch große Handelsketten geführte Convenience Shops als Einzelhandelsform die Möglichkeit bieten, auch nach dem jeweiligen allgemeinen Ladenschluss einzukaufen, fehlt in Deutschland und Berlin diese Betriebsform weitestgehend. Ob 7-Eleven, Tesco Express oder AH to go – in vielen Ländern etablieren sich diese kleinformatigen Geschäfte, die durch lange Öffnungszeiten und Dienstleistungen gekennzeichnet sind, durch die sie es Kunden ermöglichen, sich quasi rund um die Uhr mit Essen und Trinken für Unterwegs zu versorgen. Für Nachtschwärmer, Touristen und spätarbeitenden Anwohner in Berlin gibt es aber eine interessante Alternative: die inhabergeführten Spätkauf-Läden. In den letzten Jahren sorgten diese immer wieder für Schlagzeilen, vor allem im Bezirk Prenzlauer Berg häuften sich Anzeigen gegen die Spätis aufgrund von Verstößen gegen das Ladenschlussgesetz und wegen Ruhestörungen. Die Konflikte um die Geschäfte zogen dabei auch immer wieder eine große mediale Aufmerksamkeit auf sich. Genau hier setzt meine Masterabschlussarbeit an, in der ich aus einer wissenschaftlichen Perspektive die Spätkauf-Läden untersuchte. Durch eine Erhebung wurden 2013 78 Spätis im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg erfasst. Im Fokus der Standortanalysen und qualitativen Erhebungen stand die Frage, welche Funktion und Bedeutung diese Läden in den lokalen Einzelhandelsstrukturen einnehmen. Auf Basis der Untersuchungsergebnisse wurde eine Differenzierung der untersuchten Spätis in fünf verschiedene Betriebstypen vorgenommen. Zusätzlich wurde die Kundensicht auf den Berliner Spätkauf durch eine Online-Befragung erfasst und mit den Daten aus der Erhebung verglichen. Die Ergebnisse wurden den Anforderungen an einen Convenience Shop gegenüber gestellt, um so einen Beitrag zur Einordnung in gängige (Einzelhandels-)Modelle zu leisten.«

Siehe auch SN8: 09.03.2015

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stadtnachacht – Management der Urbanen Nachtökonomie
Im Rahmen des Vortrags werden zentrale Ergebnisse des Pilotprojekts  »stadtnachacht – Management der Urbanen Nachtökonomie« präsentiert.
Jakob F. Schmid

»Die Attraktivität des Nachtlebens einer Großstadt wird oft als Urbanitätsindikator schlechthin angesehen und die Images eines lebhaften, toleranten und (sub-)kulturell vielfältigen Nachtlebens gehören zum festen Bestandteil der Stadtmarketingklaviatur beinahe jeder europäischen Großstadt. Trotz der Erkenntnis, dass ein attraktives Nachtleben einen wichtigen Beitrag zur Standortqualität einer Stadt leisten und durchaus auch stadträumliche Potenziale entfalten kann, stellt sich die Steuerung bzw. Bewältigung der damit vielerorts verbundenen Konfliktlagen nach wie vor als äußert schwierig dar: Oft mischen sich eine mehr oder weniger restriktive Planungs- und Genehmigungspolitik, Duldung von Hybridbetrieben im rechtlichen Graubereich und Problemlagen mit Lärmemissionen insbesondere im innerstädtischen Bereich.Neben diesen Aspekten rücken aber auch die konkreten wirtschaftlichen Potenziale einer lebhaften urbanen Nachtökonomie – als Oberbegriff für die wirtschaftlichen Akteure des freizeitbezogenen urbanen Nachtlebens – sowie deren Interdependenzen mit anderen Wirtschaftsbereichen in den Fokus der Stadtentwicklung. Das im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik geförderte Pilotprojekt »Stadtnachacht – Management der Urbanen Nachtökonomie« untersuchte im Rahmen einer Vorrecherche und dreier vertiefender Fallstudien wie die freizeitbezogene urbane Nachtökonomie sowie stadträumliche Aspekte des Nachtlebens in Kontext Stadtentwicklung/Stadtplanung in deutschen Großstädten thematisiert werden, unter welchen Vorzeichen und Begrifflichkeiten dies erfolgt und welche Governance-Ansätze, Strategien und Instrumente im Hinblick auf die Konfliktsphären Nachtleben und Nachtökonomie verfolgt werden. Im Rahmen des Beitrags werden zentrale Ergebnisse des Pilotprojekts präsentiert.«

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Nacht-Tourismus und Anwohnerkonflikte. Mediation im internationalen Vergleich
Der Beitrag analysiert Maßnahmen internationaler Großstädte zur Mediation von Anwohnerkonflikten in Gebieten nachtökonomischer Hotspots hinsichtlich einer „stadtverträglichen“ Destination-Governance.
Nils Grube

»Berlins Tourismus boomt und ist zu einem zentralen Motor der gesamtstädtischen Entwicklung geworden. Folglich ist der Erhalt bzw. weiterer Zuwachs dieses Sektors aus ökonomischer und regionalentwicklungspolitischer Sicht erstrebenswert. Dass diese Entwicklung nicht konfliktfrei abläuft, zeigte sich zuletzt in Friedrichshain-Kreuzberg, welches sich aufgrund der alternativen subkulturellen Szenen und dem liberalen Flair zu einem Epizentrum des städtischen Nachtlebens etabliert hat. Hier häufen sich Anwohnerbeschwerden – über Vermüllung des öffentlichen Raums, über wildes Urinieren in Hauseingängen oder über nächtliche Ruhestörung. Dies führte letztlich dazu, dass immer mehr Bewohner dieser Quartiere die weitere Ausbreitung von auf Gäste, Nachtleben und Touristen ausgerichteten Ökonomien ablehnen. Diese Abwehrreaktion gefährdet nun aber nicht nur das anvisierte stadttouristische Wachstumsziel. Durch die in erster, naheliegender Instanz eintretenden ordnungspolitisch-repressiven Maßnahmen wird auch das allgemeine Stadtteilleben in seinen geschätzten Vorzügen und Qualitäten für alle – auch für die Bewohner – einschränkt. Stadt und Bezirk stehen vor der Herausforderung, gleichzeitig im Interesse der Bewohner wie auch der wirtschaftlichen Akteure und Nutzer der Nachtökonomien zu handeln. Neben der Mediation zwischen den unterschiedlichen lokalen Interessensgruppen soll auch eine positive Ansprache an die Besucher zur Bewältigung der Problemlage beitragen. In diesem Beitrag soll das stadtpolitische Regieren der durch ausgeweiteten Tourismus entstehenden Konflikte im nachtökonomischen Bereich im Fokus stehen. Empirische Grundlage ist eine Vergleichsanalyse, die Anfang 2015 im Auftrag der Clubcommisson e.V. Berlin durchgeführt wurde. Hierbei wurden zunächst systematisch in den größten Tourismusdestinationen Europas nach Handlungsstrategien zum skizzierten Konfliktfeld recherchiert und in einem zweiten Schritt mit den in Wissenschaft und Planungspraxis bekannten, besonders erfolgreichen nicht-restriktiven Maßnahmen zusammen geführt. Hieraus entstand ein für die lokalpolitischen Entscheidungsträger hilfreicher Maßnahmenkatalog, der je nach Problemlage, Finanzierungskulisse oder Akteurskonstellation zielorientierte Lösungsstrategien aufzeigt und darüber hinaus zu einer auf Nachhaltigkeit angelegten stadtverträglichen Tourismuspolitik beiträgt.«

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Die Sitzungsleitung erfolgt durch Raphael Schwegmann (Katholische Universität Einchstätt-Ingoldstadt) und Jakob F. Schmid (stadtnachacht).

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www.dkg2015.hu-berlin.de